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Beim Bergsteigen im Berninagebiet hatten Freunde von den Gletscherhöhlen im Roseg- und Morteratsch-Gletscher berichtet. Schon bei der Recherche war ich überwältigt von den Farben und Formen des Eises. Ich wollte unbedingt selbst in diese Gletscherhöhlen und deren Faszination am eigenen Leib erleben, solange es sie noch gibt.

Anfang 2017 war es soweit: Wir machten uns auf den Weg, die Eishöhlen im Roseg-Gletscher am hintersten Ende des Roseg-Tals zu erkunden. Vom Klettern im Berninagebiet ist mir besonders der malerische, aber scheinbar endlose Weg ins Tal unter der erdrückenden Last unserer Kletter-Rucksäcke in lebhafter Erinnerung geblieben. Für die ersten Kilometer ab Pontresina bis zum Hotel Roseg gibt es jedoch die Möglichkeit, die Strecke mit einer Pferdekutsche zurückzulegen. Der mit 3PS motorisierte «Pferde-Omnibus» entschleunigt zwangsläufig und ist die ideale Einstimmung auf das bevorstehende Naturerlebnis.

Ab dem Hotel geht es nur noch zu Fuss durch das weite Hochtal. Das Flussdelta des Roseg-Tals ist noch unberührt und die Gletscherströme fliessen hier frei und ungehindert ins Tal. Allein dieser Weg belohnt für die bisher geleisteten Mühen. Der erste Zwischenstop ist auf der Anhöhe einer kleinen Seitenmoräne, wo einst der Roseg-Gletscher und der Tschierva-Gletscher zusammenflossen. Von hier hat man einen atemberaubenden Blick über die alpine Szenerie des Engadins: Auf der einen Seite tront hoch über uns der Piz Bernina mit dem steil und exponiert emporziehenden Biancograt, auf der anderen Seite liegt der bereits zugefrorene Lej Vadret, worin einst Eisberge des kalbenden Roseg-Gletschers trieben. Die Weite des Tals mit den mächtigen Gletschermoränen, die Schönheit der schroffen Bergflanken und der Ausblick auf die eisigen Gipfel der Bernina-Gruppe ist unbeschreiblich. Immer wieder bleiben wir stehen und legen die Kamera zur Seite um den Moment aufzusaugen. 

Unser Weg führt uns weiter über den zugefrorenen See Lej Vadret bis ans Ende des Roseg-Tals. Der Marsch über diesen See ist für mich eines der Highlights der Wanderung zu den Eishöhlen. Ab rund sieben Zentimeter Dicke hat das Eis genug Tragkraft für eine Person. Wir gehen davon aus, dass es diese Dicke bereits erreicht hat. Und doch: Dumpfe und laut knallende Geräusche ziehen direkt unter unseren Füssen hindurch, als wir die Eisdecke betreten und in Richtung Seemitte laufen.

Von Weitem sieht man nur unscheinbare, dunkle Löcher in der homogenen Schneefläche. Erst als wir unmittelbar davor stehen, nehmen wir die Dimensionen der Öffnungen wahr. Wir realisieren: Dies ist der Eingang zu einer ganz eigenen Welt. Es dauert einige Minuten, bis sich die Augen von der hellen Schneelandschaft draussen an die Dunkelheit in den Eishöhlen gewöhnt haben. Was sich uns dann offenbart, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Ein verzweigtes Gängesystem erstreckt sich tief in den Gletscher. Konkave und konvexe Formen der tunnelartigen Gewölbe wechseln sich dabei ab. Die Oberfläche des Eises wirkt wie poliert und geschliffen, fühlt sich samtig und weich an. Im Restlicht erstrahlt das alte Eis abwechslungsweise in schillerndem Blau oder leuchtendem Türkis. Die Jahresringe der Gletscher mit ihren verschiedenen Ablagerungen erzeugen feine, farbliche Nuancierungen der verschiedenen Schichten und lassen einen das Alter des Gletschers erahnen.

Das Gletschereis ist keine statische Masse, sondern immer in Bewegung und fliesst mehrere Zentimeter am Tag ins Tal. Fragmente brechen von Zeit zu Zeit durch die Bewegung des Eisstroms aus der Gewölbedecke heraus und liegen zersplittert als riesige Eiswürfel auf dem felsigem Grund der Höhle. Bizarre und fragile Formen bilden sich an der Gewölbedecke und hängen bedrohlich über unseren Köpfen.  Grosse Schuppen und spitze Nadeln aus Eis ragen weit in den Raum. Bei näherem Betrachten ist das jahrtausend Jahre alte Eis glasklar und man kann dutzende Zentimeter in die Tiefe blicken. Kleine Luftblasen sind im Eis eingeschlossen und wie an einer Perlenschnur aufgereit. Sie konservieren die Atmosphäre von vor tausenden Jahren. Das Wechselspiel von imposanten Eisgewölben und mystisch anmutenden Formen steht im Kontrast zu den Symbolen für die Vergänglichkeit der Naturgewalten.

Ich würde hier gerne länger verweilen, fotografieren und die magische Atmosphäre auf mich wirken lassen. Doch die Zeit vergeht rasend schnell und wir müssen uns auf den Rückweg machen. Nächstes Jahr werde ich mit Sicherheit wieder kommen und schauen, was vom Gletscher noch übrig ist und welche Höhlen noch existieren.

Facts:

Routenbeschreibung
Vom BHF Pontresina ins Val Roseg. Gehzeiten bis zum Hotel Roseg sind 2.5h, mit der Pferdekutsche geht es in 1h. Vom Hotel Roseg über den gefrorenen See Lej Vadret bis ans hintere Ende des Tals geht man je nach Schneesituation 1,5 - 2,5 h. Unbedingt die Lawinensituation beachten! Der Weg ab dem Hotel ist stark den Lawinenhängen der angrenzenden Berge ausgesetzt.

Übernachtungsmöglichkeiten & Aktivitäten
Selbst wenn man nicht im Frühwinter einen Besuch in den Eishöhlen plant ist ein Abstecher ins Rosegtal zu jeder Jahreszeit immer lohnend. Die Landschaft könnte eindrücklicher nicht sein. Weite Täler, türkis-blaue Gletscherseen und die hohen Eisriesen des Berninas bieten für jede Komforstufe eine entsprechende Aktivität an.

Übernachtungsmöglichkeiten
Hotel Roseg  .  www.roseg-gletscher.ch
Tschierva Hütte  .  www.tschierva.ch
Coaz Hütte  .  www.coaz.ch

Geführte Touren zu den Eishöhlen
Go Vertical  .  www.govertical.ch
Bergsteigerschule Pontresina  .  www.bergsteiger-pontresina.ch

Transfer
Kutschenfahrten  .  www.engadin-kutschen.ch / www.stalla-costa.ch

 

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